Schachts dunkles Wunder: Wie er die Hyperinflation stoppte und den Wirtschaftsboom der 1930-er Jahre finanzierte
_Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom, Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). München, 28.03.2026.
* Der vorliegende Artikel beschäftigt sich ausschließlich mit der wirtschaftspolitischen Rolle und den Maßnahmen Hjalmar Schachts. Eine Auseinandersetzung mit den ökonomischen Instrumenten und Entscheidungen dieser Zeit darf nicht als Relativierung oder Verharmlosung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ihrer Verbrechen missverstanden werden.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Hjalmar Schacht gelang es 1923/24 durch entschlossene Maßnahmen (Rentenmark mit Emissionsgrenze von 3,2 Mrd. RM, Kreditsperre und Beseitigung des privaten Notgeldes) die Hyperinflation von bis zu 1.000.000.000 % zu stoppen und die jährliche Inflation bis 1925–1928 auf 2,7 % zu senken.
- Ab 1933 erreichte er mit dem Reinhardt-Programm (10,1 Mrd. RM) und den MEFO-Wechseln (12 Mrd. RM bis 1938, fast zwei Drittel der gesamten Reichsverschuldung) ein durchschnittliches reales BIP-Wachstum von über 8 % pro Jahr, senkte die Arbeitslosigkeit von 6 bis 6,5 Millionen auf nahezu null und hielt die offizielle Verbraucherpreisinflation bei lediglich 0,7 % jährlich.
- Dieser wirtschaftliche Erfolg der 1930-er Jahre basierte jedoch nicht auf einer freiheitlichen Marktwirtschaft, sondern auf einer autoritären nationalsozialistischen Plan- und Zwangswirtschaft. Die Auflösung der Gewerkschaften 1933, der allgemeine Preisstopp 1936, Lohnkontrollen und die strikte Priorisierung der Rüstung führten zu verdeckter Staatsfinanzierung und einer Eskalationslogik, die letztlich in die totale Kriegswirtschaft mündete. Die Staatsverschuldung stieg bis 1945 auf 380 Mrd. RM, während Devisenbeschränkungen (maximal 50.000–100.000 RM bei Emigration) die Flucht vieler Juden erschwerten und indirekt zu den Verbrechen des Regimes beitrugen.
- Schacht war kein klassischer Keynesianer, sondern ein Pragmatiker, der Elemente des Lautenbach-Plans mit strenger Produktionsbindung (MEFO-Wechsel nur gegen reale Produktion) und autoritärer Lenkung verband. Diese Mischung erwies sich kurzfristig als hoch wirksam, langfristig jedoch als ordnungspolitisch hoch riskant und destruktiv.
- Für die heutige Zeit sind vor allem die produktionsgebundenen, temporären Finanzinstrumente (ähnlich MEFO-Wechsel oder den italienischen Minibots/Fiscal-Money-Vorschlägen) als Kriseninstrument übertragbar, solange sie transparent, demokratisch legitimiert, zeitlich und volumensmäßig streng begrenzt und an reale Wertschöpfung gekoppelt bleiben. Sie können in Extremsituationen mit hoher Unterauslastung eine wirksame Alternative zu reiner Austerität oder ungezügelter Nachfragepolitik darstellen.
- Gleichzeitig zeigt die deutsche Gegenwart, dass kreditfinanzierte Nachfrageprogramme allein häufig verpuffen, solange die Probleme auf der Angebotsseite – hohe Energiekosten durch die Energiewende, überbordende Bürokratie und zusätzliche Belastungen wie die CO₂-Abgabe – nicht durch gezielte Steuersenkungen und massiven Bürokratieabbau gelöst werden. Echter Pragmatismus erfordert daher immer die Kombination aus nachfrage- und angebotsseitigen Maßnahmen unter Wahrung von Transparenz und fiskalischer Disziplin.
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Hjalmar Schacht zählt zu den einflussreichsten und zugleich umstrittensten Figuren der deutschen Wirtschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts. Als Reichswährungskommissar und Reichsbankpräsident stabilisierte er 1923/24 die Hyperinflation, bevor er ab 1933 als Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister den raschen Aufschwung aus der Weltwirtschaftskrise orchestrierte. Seine Politik erreichte ein durchschnittliches reales BIP-Wachstum von über 8 % pro Jahr zwischen 1933 und 1939 bei einer offiziellen Verbraucherpreisinflation von nur 0,7 % jährlich. Gleichzeitig ermöglichte sie die verdeckte Aufrüstung eines verbrecherischen Regimes. Die folgende Analyse integriert alle verfügbaren quantitativen Daten aus den historischen Quellen und übt zugleich scharfe Kritik an den ordnungspolitischen und moralischen Verwerfungen, insbesondere in den Jahren 1933–1945.
Ursachen und Dimensionen der Hyperinflation 1923
Die Hyperinflation des Jahres 1923 war das Ergebnis einer tiefgreifenden strukturellen Überlastung. Die Reichsschulden stiegen von 4,8 Mrd. Mark im Jahr 1913 infolge des Ersten Weltkriegs auf 105 Mrd. Mark im Jahr 1918; dies entspricht 31,2 Mrd. → 210 Mrd. Euro in Kaufkraft von 2024. Die Reparationen des Versailler Vertrags von 1921 beliefen sich auf 132 Mrd. Goldmark zuzüglich 26 % der Exporterlöse über 37 Jahre. Dies entsprach einem Gegenwert von ca. 3,5 Bio. Euro (Kaufkraft 2024) und 260 % des BIP von 1913. Diese Zahlungen mussten ausschließlich in Gold und Devisen geleistet werden und banden jährlich etwa 2,5 % des Bruttoinlandsprodukts.
Weitere zentrale Ursachen waren eine anhaltende internationale Zahlungsbilanzkrise mit dem fortgesetzten Verlust von Devisenreserven in Form von Gold, Dollar und Pfund. Bereits 1914 hatte das Deutsche Reich den Goldstandard aufgehoben, um die Kriegsfinanzierung zu ermöglichen. Die enormen Kriegsschulden sowie die beim eigenen Volk platzierten Kriegsanleihen sollten nachträglich durch Inflation entwertet werden. Nach 1918 blieb der Reichshaushalt chronisch defizitär – zusätzlich belastet durch hohe Lohnforderungen der Beamten und notwendige Sozialausgaben für Kriegsveteranen, Witwen und Waisen.
Hinzu kamen massive Gebietsverluste: Deutschland büßte 13 % seines Territoriums ein, darunter sämtliche Kolonien in Afrika, China und im Pazifik. Der Verlust Danzigs und des Polnischen Korridors verschärfte zudem die Transportprobleme erheblich. Die Produktion brach in mehreren Schlüsselbereichen drastisch ein: Der Kohlebergbau ging um 26 % zurück, die Roheisenproduktion um 44 %, die Stahlproduktion um 38 % und die landwirtschaftliche Nutzfläche um 40 %. Das Transportwesen wurde besonders schwer getroffen: Das Reich musste 90 % der Handelsflotte abgeben, 5.000 Lastwagen, 5.000 Lokomotiven samt Waggons sowie sämtliche Zeppeline.
Die Erzbergersche Steuerreform erhöhte die Steuerquote zwar von 8 % im Jahr 1913 auf 15 % des BIP im Jahr 1925, vermochte die strukturellen Probleme jedoch nicht zu lösen. Im November 1923 erreichte die Inflation extreme Ausmaße: Die Preise stiegen binnen eines Monats um bis zu 1.000.000.000 % (eine Milliarde Prozent). Trotz der galoppierenden Geldentwertung blieb die Arbeitslosigkeit zunächst relativ niedrig. Das Chaos wurde zusätzlich durch die massenhafte Emission privaten Notgeldes durch Städte, Kommunen und Betriebe verschärft.
Schachts Stabilisierungsmaßnahmen 1923/1924 und ihre quantitativen Wirkungen
Ab dem 12. November 1923 als Reichswährungskommissar und ab dem 22. Dezember 1923 als Reichsbankpräsident unter der neuen Regierung der Deutschen Volkspartei leitete Hjalmar Schacht entscheidende Schritte ein. Er verbot die Akzeptanz privaten Notgeldes und stellte die offiziellen Banknoten wieder als alleinigen Zahlungsstandard her. Gleichzeitig verhängte er eine radikale Kreditsperre: Überschüssige Kredite in Fremdwährung mussten bei der Reichsbank abgegeben werden, wodurch spekulative Geldbewegungen wirksam unterbunden wurden. Den Widerstand wohlhabender Kreise bekämpfte er acht Monate lang mit Entschlossenheit. Bereits innerhalb von zwei Monaten stabilisierte sich das Gleichgewicht zwischen Geldangebot und -nachfrage.
Die Rentenmark wurde am 15. November 1923 eingeführt. Sie war durch eine Grundschuld auf 6 % der Grundstücke gedeckt, wobei die Geldemission strikt auf 3,2 Mrd. RM begrenzt war. Im Jahr 1924 folgte die Reichsmark, die an die Rentenmark und den US-Dollar gebunden wurde (4,2 RM = 1 USD). Damit löste sie die alte Papiermark ab und stellte die Wiederankoppelung an den Goldstandard her. Der Dawes-Plan von 1924 koppelte die Reparationszahlungen an die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Deutschlands, reduzierte die Belastung spürbar und machte eine weitere expansive Geldschöpfung überflüssig. Die durchschnittliche jährliche Inflation sank in den Jahren 1925–1928 auf 2,7 %. Die erfolgreiche Stabilisierung zog ausländische Investitionen an und leitete die wirtschaftliche Blütezeit der Weimarer Republik ein.
Weltwirtschaftskrise 1929–1933 und Brünings Austeritätspolitik
Der künstliche Aufschwung der 1920er Jahre beruhte maßgeblich auf massiven Auslandskrediten, vor allem aus den USA, und brach mit dem Börsencrash von 1929 abrupt zusammen. Die deutsche Wirtschaft litt unter einer strukturellen Zahlungsbilanzschwäche: Während die Importe 4,2 Mrd. RM betrugen, lagen die Exporte bei lediglich 4,8 Mrd. RM. Die jährlichen Reparations- und Schuldendienste beliefen sich zunächst auf ca. 1 Mrd. RM, stiegen später jedoch wieder auf bis zu 2,4 Mrd. RM. Im Jahr 1933 verlor die Reichsbank jährlich 400 Mio. RM an Devisen.
Unter Reichskanzler Heinrich Brüning (1930–1932) setzte die Regierung auf eine rigide Austeritätspolitik. Ausgabenkürzungen, Steuererhöhungen und Lohnsenkungen führten zu einem dramatischen Nachfrageeinbruch. Es entwickelte sich eine scharfe Deflationsspirale, in deren Verlauf die Verbraucherpreise zwischen 1930 und 1933 jährlich um –6,4 % sanken. Das BIP pro Kopf brach 1931/32 um 13 bis 17 % ein. Die Arbeitslosenquote stieg von 3,8 % im Jahr 1925 auf 43,8 % im Jahr 1932 – absolut von etwa 1,8 Millionen auf 6 bis 6,5 Millionen Arbeitslose. Eine erneute Inflationierung der Schulden kam aus politischen Gründen nicht mehr infrage.
Schachts unkonventionelle Strategie: MEFO-Wechsel und kreditfinanzierter Aufschwung
1933 kehrte Hjalmar Schacht als Reichsbankpräsident zurück und übernahm 1934 zusätzlich das Amt des Reichswirtschaftsministers. Die Kapazitäten der deutschen Wirtschaft waren zu diesem Zeitpunkt stark unterausgelastet. Schacht setzte auf eine Politik kreditfinanzierter Programme.
Das zentrale zivile Instrument war das Reinhardt-Programm, das 10,1 Mrd. RM umfasste (entsprechend etwa 46,6 Mrd. € in Kaufkraft von 2021 bzw. 54,5 Mrd. € in Kaufkraft von 2024) und in zivile Infrastruktur, Bauvorhaben und den Autobahnbau floss. Das entscheidende Instrument der gesamten Aufschwungpolitik waren jedoch die MEFO-Wechsel der Metallurgischen Forschungsgesellschaft mbH – einer reinen Scheinfirma mit einem Eigenkapital von lediglich 1 Mio. RM.
Diese Wechsel hatten eine ursprüngliche Laufzeit von 3 Monaten, konnten bis zu 19-fach verlängert werden (maximal 5 Jahre), waren mit 4 % verzinst, von der Reichsbank diskontierbar und streng an reale Produktion gekoppelt. Bis 1938 erreichte ihr Volumen 12 Mrd. RM (entsprechend 62,2 Mrd. Euro in Kaufkraft von 2024) und deckte fast zwei Drittel der gesamten Reichsverschuldung.
Die fiskalexpansiven Maßnahmen in der Zivil- und vor allem in der Rüstungswirtschaft führten in der ersten Hälfte der NS-Herrschaft (1933–1939) zu einem beeindruckenden wirtschaftlichen Aufschwung: Die jährlichen BIP-Wachstumsraten lagen über 8 %, die Arbeitslosigkeit sank von 6 bis 6,5 Millionen auf nahezu 0 % bis 1938/39, und die offizielle Verbraucherpreisinflation betrug lediglich 0,7 % jährlich. Die bewusst begrenzte Ausweitung der Geldmenge trug maßgeblich dazu bei, die Inflation niedrig zu halten. Offiziell sank die Reichsschuld bis 1938 formal um 44 %, während die tatsächliche Verschuldung durch die MEFO-Wechsel stark anstieg.
Autoritäre Zwangswirtschaft und scharfe Kritik
Der wirtschaftliche Boom der Jahre 1933 bis 1939 basierte jedoch nicht auf einer freiheitlichen Marktwirtschaft, sondern auf einer nationalsozialistischen Plan- und Zwangswirtschaft. Bereits 1933 wurden die Gewerkschaften aufgelöst, wodurch Lohn-Preis-Spiralen von vornherein verhindert wurden. 1936 verhängte Hitler einen allgemeinen Preisstopp. Die realen Löhne stagnierten, während strategische Ressourcen wie Stahl, Kohle und Devisen prioritär der Rüstungsindustrie zugewiesen wurden. Die zivilen Wirtschaftsbereiche litten unter zunehmenden Engpässen und einem wachsenden Schwarzmarkt.
Autoritäre Eingriffe prägten das System: Kapitalkontrollen, umfassende Zwangswirtschaft und die strikte Priorisierung strategischer Industrien bestimmten die Wirtschaftslenkung. Die MEFO-Wechsel dienten dabei maßgeblich der verdeckten Finanzierung massiver Militärausgaben, darunter die Produktion von Panzern, Lastkraftwagen, Halbkettenfahrzeugen, Bombern sowie der Import von Aluminium und Treibstoff.
Die offizielle Inflationsrate blieb während der Kriegsjahre mit 2 % jährlich vergleichsweise niedrig. Die tatsächliche Geldentwertung zeigte sich jedoch auf dem expandierenden Schwarzmarkt und wurde teilweise in die besetzten Gebiete „exportiert“ – unter anderem durch die Zwangseinführung von Reichskreditkassenscheinen. Die Staatsverschuldung stieg bis 1945 auf 380 Mrd. RM (entsprechend 1,71 Bio. Euro in Kaufkraft von 2024). Nach Kriegsende lag die durchschnittliche jährliche Inflation zwischen 1945 und 1948 bei 10,1 %.
Besonders schwerwiegend waren die Devisenbeschränkungen: Emigranten durften lediglich zwischen 50.000 und 100.000 Reichsmark mitnehmen. Diese Regelung erschwerte die Auswanderung vieler Juden erheblich und trug damit indirekt zu den Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes bei.
Theoretische Einordnung: Vergleich mit Keynes
Schacht teilte mit John Maynard Keynes die Grundidee einer antizyklischen Wirtschaftspolitik: Er befürwortete staatliche Interventionen bei starker Unterauslastung von Arbeit und Kapital – mit 6 bis 6,5 Millionen Arbeitslosen und einem geschätzten Output-Gap von 25 bis 44 Prozent. Das gemeinsame Ziel war es, Investitionen und Beschäftigung zu steigern, temporäre Defizite zu akzeptieren und durch staatliches Handeln eine positive Erwartungswende herbeizuführen.
Parallelen bestanden auch zum Lautenbach-Plan. Wilhelm Lautenbach, ein einflussreicher Beamter im Reichsfinanzministerium, hatte bereits 1931/32 in mehreren Denkschriften die kreditfinanzierte Vorfinanzierung von Investitionen gefordert, um Nachfrage und Angebot gleichzeitig zu aktivieren. Schacht übernahm wesentliche Elemente dieser Denkrichtung, setzte sie jedoch auf seine eigene, pragmatische und verdeckte Weise um.
Dennoch gab es zentrale Unterschiede zum keynesianischen Ansatz: Im Gegensatz zum reinen Nachfrageprimat bei Keynes setzte Schacht auf eine strenge Produktionsbindung. Die MEFO-Wechsel wurden ausschließlich gegen reale Produktion ausgegeben, was den Inflationsdruck deutlich minderte. Weitere Unterschiede lagen in der verdeckten Finanzierung außerhalb des regulären Haushalts, der strikten Angebotssteuerung durch Quoten und Devisenbewirtschaftung, der institutionellen Kontrolle durch die Reichsbank sowie in autoritären Zwangsmaßnahmen wie Kapitalkontrollen, Lohn- und Preiskontrollen und dem Verbot der Gewerkschaften.
Die MEFO-Wechsel selbst waren mit einer 4-prozentigen Verzinsung, einer staatlichen Garantie, der Diskontierbarkeit bei der Reichsbank und drei Sicherungsebenen ausgestattet – sie stellten damit eine de-facto vorweggenommene, konditionierte Form der monetären Staatsfinanzierung dar.
Ludwig von Mises warnte bereits 1924 in seinem Werk „Theorie des Geldes und der Umlaufsmittel“ eindringlich vor den Risiken politischer Geldschöpfung und drohender Inflation. Schacht selbst mahnte ab 1938/39 vor einer unbegrenzten Ausgabenpolitik und geriet deshalb in Konflikt mit Hitler.
Letztlich war Schacht kein Keynesianer im engeren Sinne. Seine Politik stellte vielmehr eine pragmatische, jedoch hochproblematische Kombination aus monetärer Finanzierung, strenger Produktionsbindung und autoritärer Zwangswirtschaft dar – kurzfristig ökonomisch höchst wirksam, langfristig jedoch institutionell riskant und ordnungspolitisch destruktiv.
Relevanz für die heutige Wirtschaftspolitik – Übertragbarkeit, Grenzen und Kritik
Übertragbare Elemente aus Schachts Politik sind vor allem temporäre, produktionsgebundene Finanzinstrumente in Extremsituationen mit hoher Unterauslastung der Wirtschaft. Besonders wertvoll ist der Fokus auf reale Wertschöpfung statt bloßer Transfers sowie die enge Verbindung von Beschäftigung, Investitionen und zukünftigen Steuereinnahmen. Solche Ansätze weisen klare Parallelen zu modernen Konzepten wie „Helicopter Money“ oder den „Fiscal Money“-Vorschlägen auf.
Konkrete historische Anknüpfungspunkte finden sich in den italienischen Minibots-Ideen von 2018 und in den Fiscal-Money-Vorschlägen italienischer Ökonomen. Diese zielten darauf ab, durch zweckgebundene Parallelinstrumente die Wirtschaft anzukurbeln – teilweise als Möglichkeit, die strengen Euro-Regeln und nationale Schuldenbremsen zu umgehen. Ähnliche Überlegungen könnten theoretisch auch in einzelnen EU-Staaten oder auf subnationaler Ebene (etwa deutschen Bundesländern) angewendet werden, um die Schuldenbremse zu lockern, solange die Instrumente strikt an reale Produktion gekoppelt bleiben.
Moderne Sondervermögen können von einer klaren Zweckbindung und einem starken Multiplikatoreffekt profitieren. Allerdings leiden sie unter den jetzigen Regierungen unter einer überwiegend konsumtiven Verteilung und einer nur schwachen Bindung an produktive Investitionen. Funktionsfähig sind derartige Instrumente daher nur bei strikter Begrenzung des Volumens, voller Transparenz und einer klaren Rückzahlungsregelung.
Nicht übertragbar auf heutige demokratische Verhältnisse sind hingegen die autoritären Instrumente der damaligen Zeit: Kapitalkontrollen, Zwangsquoten, Preisstopps und das Verbot der Gewerkschaften. Ebenso wenig akzeptabel ist verdeckte Verschuldung außerhalb parlamentarischer Kontrolle sowie die Missachtung fiskalischer Regeln.
Kritikpunkte an Schachts Ansatz umfassen vor allem die massive Intransparenz – die MEFO-Wechsel deckten 1938 fast zwei Drittel der gesamten Reichsverschuldung, ohne in den offiziellen Bilanzen sichtbar zu sein – sowie die gefährliche Eskalationslogik, die von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen nahtlos in die Aufrüstung und schließlich in die totale Kriegswirtschaft überging. Die Preis- und Ressourcenkontrollen verschoben Inflationsprobleme lediglich auf den Schwarzmarkt und in die besetzten Gebiete.
Die Gesamtbewertung fällt daher differenziert aus: Schachts Politik war kurzfristig ökonomisch höchst wirksam, erwies sich jedoch langfristig als ordnungspolitisch destruktiv. Sie zeigt, dass reale Produktionsbindung Inflation wirksam dämpfen kann und dass eine starre orthodoxe Sparpolitik in tiefen Krisen mit hoher Unterauslastung gefährlich sein kann. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass monetäre Staatsfinanzierung ohne harte institutionelle Stopps und klare Begrenzungen leicht in politische Überdehnung und den Verlust fiskalischer Disziplin mündet.
Für die heutige Zeit in Deutschland bleibt jedoch eine zusätzliche, zentrale Erkenntnis: Kreditfinanzierte Nachfrageprogramme allein drohen weitgehend zu verpuffen, solange die wesentlichen Probleme auf der Angebotsseite nicht gelöst sind. Hohe Energiekosten infolge der Energiewende, eine erdrückende Bürokratie sowie zusätzliche Belastungen wie die CO₂-Abgabe mindern die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft erheblich. Solange diese künstlich geschaffenen Kosten nicht durch gezielte Steuersenkungen (etwa Abschaffung der CO₂-Abgabe) und einen konsequenten Bürokratieabbau reduziert werden, besteht die Gefahr, dass zusätzliche Staatsausgaben nur begrenzt wirken und die Standortnachteile weiter verschärfen.
Die zentrale Lehre lautet daher: Echter ökonomischer Pragmatismus erfordert sowohl nachfrage- als auch angebotsseitige Maßnahmen. Produktionsgebundene Instrumente können in schweren Krisen sinnvoll sein – jedoch nur in Kombination mit voller Transparenz, demokratischer Legitimation, strikter zeitlicher und volumensmäßiger Begrenzung sowie einem entschlossenen Abbau von Standortkosten und Bürokratie. Wie Schacht selbst zeigte, ist Pragmatismus wertvoll, solange er nicht in ideologische Beliebigkeit oder autoritäre Lenkung abgleitet.
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