Mileis libertäre Schocktherapie in Argentinien – IKW zieht Bilanz aus rechtskonservativer Sicht
Am 19. Februar 2026 hielt Christopher Kofner, Geschäftsführer und Ökonom des Instituts für konservative Wirtschaftspolitik (IKW), in der „Staatsreparatur“ in Berlin einen Fachvortrag. Vor zahlreichen Zuhörern lieferte er eine Analyse der Reformen des argentinischen Präsidenten Javier Milei – aus rechtskonservativer und ordoliberaler Perspektive.
Kernbotschaften & Handlungsempfehlungen
- Führende Akteure der AfD und des rechten Lager sollten sich Mileis auffälligen und direkten Kommunikationsstil nach dem Vorbild Murray Rothbards[1] zu eigen machen – eine anschlussfähige Provokation, die Medien zwingt zu berichten und das einfache Volk direkt anspricht, statt sich auf Intellektuelle oder Verbände zu verlassen.
- Statt unrealistischer Versprechungen muss die AfD ehrlich kommunizieren: Nach den Versäumnissen der etablierten Parteien werden vermutlich Jahre oder sogar Jahrzehnte nötig sein, um die Strukturen wieder zu ordnen – genau wie Milei vor seiner Schocktherapie warnte, es werde zunächst schmerzhaft.
- Die soziale Frage darf nicht durch weitere Ausweitung des Wohlfahrtsstaates gelöst werden, sondern durch eine aktive Eigentumspolitik: Jeder Deutsche soll Wohnung, Haus, Auto, Aktien und Grundstück besitzen – besonders Familien ab drei Kindern –, ergänzt durch deutlich mehr Netto vom Brutto für arbeitende Menschen[2] und den Übergang vom Wohlfahrts- zum schlanken Ordnungsstaat.[3]
- Entscheidend ist frühzeitige, minutöse Vorbereitung: Mileis Team hatte bereits im Mai 2022 – eineinhalb Jahre vor der Wahl – fertige Gesetzestexte für über 350 Abschaffungen parat; die AfD muss in Ländern wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern und später im Bund genauso detailliert vorbereitet sein.
- Der Staat ist für Rechte kein Feind, sondern ein natürliches, evolutionär entstandenes Gebilde, das einerseits auf seine Kernaufgaben – Recht, innere & äußere Sicherheit – zurückgeschnitten, andererseits aktiv zur Förderung von nationaler Kultur, Religion und Demografie genutzt werden muss (nach dem Vorbild Viktor Orbáns)[4] – bei gleichzeitiger massiver Reduzierung von Bundesministerien (von 17 auf vier), Rückverlagerung von Kompetenzen auf die Länder sowie Abschaffung zahlloser Bürokratiegesetze.
- In der Außenpolitik gilt es, den de-facto-Vasallenstatus gegenüber den USA seit 1945 realistisch zu akzeptieren, um schrittweise Souveränität in Energie, KI, Industrie und Verteidigungskapazität zurückzugewinnen.
- Zu den Remigrationskonzepten von Sellner und Krah bietet sich ein dritter „friedmännischer“ Weg[5] an: Sozialleistungen nur für Personen, die selbst oder deren Vorfahren mindestens 10 Jahre netto eingezahlt haben – ein Ansatz, der mit geltendem Recht vereinbar ist und viele Nicht-Leistende automatisch zum Verlassen des Systems bewegen würde.
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Wer ist Javier Milei und wofür steht der Libertarismus? Javier Milei, geboren 1970 in Buenos Aires, ist Volkswirt, ehemaliger Banken- und Konzernökonom, der in den 2010er Jahren zur österreichischen Schule konvertierte, 2021 die Partei La Libertad Avanza gründete und 2023 als erster anarchokapitalistischer Staatschef der Geschichte gewählt wurde. Er kann als Rechtspopulist, nicht jedoch als klassischer europäischer Rechter verstanden werden. Die österreichische Schule (Libertarismus) stellt die absolute individuelle Freiheit jedes Menschen in den Mittelpunkt – „Life, Liberty and Property“ nach John Locke –, folgt dem Nicht-Aggressions-Prinzip und betrachtet den Staat als größten Feind. Steuern gelten als Raub; sämtliche Leistungen, einschließlich Polizei und Infrastruktur, sollen auf freiwilliger Vertragsbasis erbracht werden. Der Libertarismus unterscheidet sich vom klassischen Liberalismus (der dem Staat noch Aufgaben zugesteht), vom Linksliberalismus (der Gleichheit der Ergebnisse überdehnt und in Totalitarismus mündet) sowie vom Ordoliberalismus (der deutschen Tradition der „sozialen Marktwirtschaft“ mit einem starken, aber nicht-interventionistischen Ordnungsstaat als neutralem Schiedsrichter).
Vom reichsten Land zum Krisenfall – und zurück Vor Milei galt Argentinien 1913 als eines der zehn reichsten Länder der Welt mit liberaler Wirtschaft und Gold-Silber-Standard. Durch Peronismus und Kirchnerismus mit massiver Geldmengenexpansion Schuldenfinanzierung und permanenter Staatsausweitung versank das Land in einer Dauerkrise: 133 Prozent Jahresinflation und 15 Prozent Haushaltsdefizit im Jahr 2023. Milei setzte daraufhin eine konsequente libertäre Schocktherapie um: Die Zahl der Ministerien wurde von 18 auf 9 halbiert, über 348 Gesetze und mehr als 1.000 Normen abgeschafft (durchschnittlich 2,6 Gesetze und 17 Deregulierungen pro Tag). Die Mietpreiskontrolle fiel, woraufhin die Mieten in Buenos Aires um 200 Prozent und landesweit um 30 Prozent sanken. Der Arbeitsmarkt wurde dereguliert, Kündigungshürden gesenkt, Sozialabgaben reduziert und die Probezeit verlängert. 400 Behörden wurden komplett aufgelöst, die öffentliche Beschäftigung um 15 Prozent (40.000 Stellen) gekürzt und die Staatsquote von 38 Prozent auf 31 Prozent gesenkt.
Beeindruckende wirtschaftliche Erfolge Der Haushalt wurde von einem 15-Prozent-Defizit 2023 auf 0,5 Prozent Überschuss 2024 und 0,8 Prozent Überschuss 2025 gedreht – erstmals seit 15 Jahren. Staatsausgaben sanken um 30 Prozent, leitende Beamte um 30 Prozent. Die Geldmenge zum BIP ging von 36 Prozent auf 21 Prozent zurück. Die Inflation fiel von 133 Prozent (2023) über einen Spitzenwert von 220 Prozent (2024) auf 7,5 Prozent (2026), der Leitzins von 133 Prozent auf 29 Prozent. Nach einem anfänglichen Minus von 1,3 Prozent 2024 stieg das Wirtschaftswachstum 2025 auf durchschnittlich 5 Prozent – höher als in China. Die Armutsquote sank von 55 Prozent im November 2023 auf 31 Prozent; 10 Millionen Menschen, darunter 1,7 Millionen Kinder, wurden aus absoluter Armut geholt. Reallöhne im Privatsektor stiegen um 14 Prozent, Renten um 13 Prozent real. Die Handelsbilanz drehte von minus 7 Milliarden US-Dollar (2023) auf plus 19 Milliarden (2024) und plus 11 Milliarden (2025).
Pragmatismus statt Dogma Programmatisch bleibt Milei Anarchokapitalist, realpolitisch agiert er jedoch als Minarchist (Kleinststaatler). Die Zentralbank wurde entgegen des Wahlversprechens nicht abgeschafft, sondern pragmatisch stabilisiert, um eine Hyperinflation zu verhindern. Langfristig strebt er eine Staatsquote von 25 Prozent, eine Schuldenbremse und eine 100-Prozent-Reserve für Banken an.
Fußnoten
[1] Rothbard M. N. (1992). Right‑Wing Populism: A Strategy for the Paleo Movement. Rothbard‑Rockwell Report. URL: https://www.rothbard.it/articles/right-wing-populism.pdf
[2] Kofner C. (2021). Vermögensbildung als alternative Sozialpolitik. Institut für konservative Wirtschaftspolitik (IKW). URL: https://institutkw.de/vermoegensbildung-als-alternative-sozialpolitik/
[3] Kisoudis D. (2017). Was nun?: Vom Sozialstaat zum Ordnungsstaat. Manuscriptum. URL: https://www.amazon.de/Was-nun-Sozialstaat-Ordnungsstaat-Werkreihe/dp/3944872479
[4] Orbán V. (2022). Viktor Orban speech at CPAC Hungary 2022 – defeating liberal‑progressivism: the 12 teachings of Orban. Centro Machiavelli. URL: https://www.centromachiavelli.com/en/2022/05/23/viktor-orban-speech-cpac-hungary-2022/
[5] Milton Friedman war ein US-amerikanischer Ökonom und Nobelpreisträger, der mit dem Satz „You cannot simultaneously have free immigration and a welfare state“ meinte, dass offene Einwanderung nicht mit einem ausgedehnten Sozialstaat vereinbar ist, weil staatliche Leistungen sonst Anreize für Zuwanderung schaffen, die die Sozialkassen belasten würden. | Zitat von Milton Friedman auf der „Frage- und Antwortrunde mit Milton Friedman“ auf der 18. jährlichen Weltkonferenz des Institute for Liberty and Policy Analysis (ISIL) in 1999 in San Jose, Costa Rica.
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