Ökonomische Auswirkungen der im Ampel-Koalitionsvertrag skizzierten Verkehrswende

_ Jurij Kofner, Ökonom, MIWI Institut für Marktintegration und Wirtschaftspolitik. München, 30. Januar 2022.

Um die Klimaziele im Verkehrssektor zu erreichen, will die Koalitionsregierung Deutschlands wichtigstes und innovativstes Verarbeitendes Gewerbe in Richtung Elektromobilität transformieren – die Automobilindustrie, welche 830.000 Menschen direkt beschäftigt und 4,7 Prozent des nationalen BIP erwirtschaftet.[1]  Als Maßstab hierfür legt der Koalitionsvertrag eine Quote von 15 Mio. vollelektrischen Pkw bis 2030 fest, was eine Verdreißigfachung von derzeit 0,5 Mio. BEV bedeuten würde, die im Oktober 2021 auf deutschen Straßen unterwegs waren.[2]

Um dies zu erreichen, ist, erstens, ein massiver Ausbau der Ladeinfrastruktur von 1 Mio. Ladestationen bis 2030 notwendig – und auch geplant. Laut einer umfassenden Studie des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln sind hierfür jährlich Investitionen in Höhe von 4 Mrd. Euro (48 Euro pro Kopf oder 0,1 Prozent des BIP) erforderlich, die wiederum zum größten Teil aus öffentlicher Hand finanziert werden müssen. Die Elektrifizierung des Verkehrssektors wird den bundesweiten Strombedarf bis 2030 um rund 10 Prozent (plus 43 TWh) erhöhen.[3]

Zweitens ist ein Bonus-Malus-Policy-Mix vorgesehen, einschließlich der oben diskutierten CO2-Abgabe, Kaufprämie für E-Autos, Erhöhung des CO2-Anteils in der KfZ-Steuer und Lkw-Maut, Beschränkung der Steuerbefreiung der Dienstwagenbesteuerung auf BEVs, Null-Emissions-Zonen in Großstädten, Aufhebung des Dieselprivilegs bis hin zu Zulassungsverboten für Autos mit Verbrennungsmotor noch vor 2035. All das ist geplant, dafür aber wurde die Nichteinführung des Tempolimits auf Autobahnen wurde von der FDP als großer Erfolg gefeiert.

Zusammengenomen kostet dieser Policy-Mix die deutsche Wirtschaft jährlich 0,3 Prozent des BIP (10,5 Mrd. Euro), was einer Mehrbelastung von 127 Euro für jeden Bürger gleichkommt. Laut Prognos AG steigt damit bis 2030 der Preis für einen Liter Benzin auf 1,9 bis 2,5 Euro und für Diesel auf 2 bis 2,6 Euro. [4]

Nach Schätzungen von KfW Research und Prognos AG belaufen sich die notwendigen Klimainvestitionen in den Straßenverkehr auf jährlich rund 75,5 Mrd. Euro, also 2,2 Prozent des BIP oder 910 Euro pro Bürger.[5],[6]

Auch hier hofft man, abgesehen vom avisierten Klimaschutzziel, mit diesem massiven Eingriff die deutsche Automobilindustrie auf dem angedachten Zukunftsmarkt der Batterieherstellung und E-Mobilität führend zu machen. In der Tat stehen die Chancen der Bundesrepublik in diesem Bereich besser als bei anderen grünen Technologien. Dennoch gibt es keine Erfolgsgarantie: So hat sich, z.B., zwischen 2009 und 2019 der Umsatz von deutschen Batterieexporten ebenso verdreifacht wie der von chinesischen. Allerdings stieg der Weltmarktanteil der Volksrepublik in dieser Produktgruppe von 24 auf 29 Prozent, der von der BRD nur von 6 auf 7 Prozent.[7] Allerdings schätzt das ifo Institut, dass die Umstellung auf E-Mobilität in der deutschen Automobilindustrie bis 2030 zu einem Nettoarbeitsplatzverlust von über 385.000 deutschen Beschäftigten führen wird.[8]

Trotz des relativ großen Potenzials synthetischer Kraftstoffe (Power-to-Fuel, PtX) erwähnt der Koalitionsvertrag die Unterstützung für diese Technologie nur kurz im Zusammenhang mit der Dekarbonisierung des Luft- und Schiffsverkehrs. Dabei bieten synthetische Kraftstoffe erhebliche Perspektiven zur Einsparung von CO2-Emissionen und zur Schaffung einer CO2-Kreislaufwirtschaft, während gleichzeitig die Wertschöpfung der Verbrennungsmotorentechnologie in Deutschland erhalten bleibt und erhebliche Exportpotenzialen in Schwellenländer bietet. Im Gegensatz zu E-Batterien hat Deutschland noch die Chance, internationaler Weltmarktführer bei der Herstellung und Vermarktung von Umwandlungssystemen zur Herstellung von synthetischen Kohlenwasserstoff-Kraftstoffen zu werden. Durch gezielte Förderung von Forschung und Entwicklung in diesem Bereich können laut IW Köln rund 30 Milliarden Euro Wertschöpfung und insgesamt fast 400.000 neue Arbeitsplätze im deutschen Maschinen- und Anlagenbau geschaffen werden.[9]

Insgesamt wird die im Koalitionsvertrag skizzierte Verkehrswende die deutsche Wirtschaft jedes Jahr 97 Mrd. Euro kosten, was knapp 3 Prozent des BIP entspricht und jeden Bürger 1169 Euro im Jahr ärmer machen wird.

Quellen:

[1] Puls T. (2021). Strukturwandel in der Automobilindustrie – wirkt die Pandemie als Beschleuniger? IW Köln- URL: https://www.ifo.de/publikationen/2021/aufsatz-zeitschrift/strukturwandel-der-automobilindustrie-wirkt-die-pandemie-als

[2] KBA (2021). Anzahl der Elektroautos in Deutschland von 2011 bis 2021. URL: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/265995/umfrage/anzahl-der-elektroautos-in-deutschland/

[3] ewi (2021). Klimaneutralität 2045 – Transformation der Verbrauchssektoren und des Energiesystems. Deutsche Energie-Agentur (dena). URL: https://www.ewi.uni-koeln.de/en/publications/dena-ls2/

[4] Auf der Maur A., Trachsel T. (2021). Zielpfade für den Klimaschutz im Verkehrssektor. Prognos. URL: https://www.prognos.com/de/projekt/zielpfade-fuer-den-klimaschutz-im-verkehrssektor

[5] Brand S. et al. (2021). 5 Bio. EUR klimafreundlich investieren – eine leistbare Herausforderung. KfW Research. URL: https://www.kfw.de/PDF/Download-Center/Konzernthemen/Research/PDF-Dokumente-Fokus-Volkswirtschaft/Fokus-2021/Fokus-Nr.-350-Oktober-2021-Investitionsbedarfe-Klimaneutralitaet.pdf

[6] Auf der Maur A., Trachsel T. (2021). Zielpfade für den Klimaschutz im Verkehrssektor. Prognos. URL: https://www.prognos.com/de/projekt/zielpfade-fuer-den-klimaschutz-im-verkehrssektor

[7] OEC (2021). Share of Exports in Electric Batteries. URL: https://oec.world/en/profile/hs92/electric-batteries?cumulativeMarketShareSelected=share&growthSelector=value1#market-concentration

[8] Falck O., Czernich, N., Koenen J. (2021). Auswirkungen der vermehrten Produktion elektrisch betriebener Pkw auf die Beschäftigung in Deutschland. ifo Institut. URL: https://www.ifo.de/publikationen/2021/monographie-autorenschaft/auswirkungen-der-vermehrten-produktion-elektrisch

[9] Fritsch M., Puls T., Schaefer T. (2021).  Synthetische Kraftstoffe: Potenziale für Europa: Klimaschutz- und Wertschöpfungseffekte eines Hochlaufs der Herstellung klimafreundlicher flüssiger Energieträger. IW Köln. URL: https://www.iwkoeln.de/studien/manuel-fritsch-thomas-puls-thilo-schaefer-klimaschutz-und-wertschoepfungseffekte-eines-hochlaufs-der-herstellung-klimafreundlicher-fluessiger-energietraeger.html

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